Die Bleichheimer Fasnet - Wesen und Anspruch

 

Vom reichen Brauchwesen des ehemaligen vorderösterreichischen Dorfes Bleichheim ist im Strudel der Zeitläufe vieles untergegangen. Eine der herausragendsten Traditionen: die Bleichheimer Fasnet, 1965 wieder aus der Taufe gehoben, gewissermaßen der funkelnde Edelstein einstmals vielfältiger Überlieferungen. Urbangehen (Flur- und Öschprozession), Festabläufe bei Taufe und Hochzeiten, Neujahrs-, Ostern-, Ernte- und Winterbräuche werfen nur noch einen matten Schein von dem einst praktizierten, örtlich gemeinsam gefeierten Feste. Die bodenständige Narrenfigur, der Stroh- oder Hoorige Bär, wurzelte einst im Humus derber bäuerlicher Traditionen. So griff man zweckmäßigerweise zur Gestaltung der närrischen Kleidung zu erneuerbarem Naturmaterial. Dem Kornstroh (lange, widerstandsfähige Halme) oder dem Erbsenstroh mit seinen gekräuselten Ripsen, die drei Festtage dem wilden Treiben standhielten.

 

Die Bleichheimer Fasnet historisch zu fassen, ist wie vielerorts noch nicht in seiner Gänze möglich. Einträge in einschlägigen Jahresrechnungen der Gemeinde Bleichheim aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts dokumentieren alljährliche, erhebliche Guldenbeträge für Speis und Trank, des weiteren Böllerpulver zur Unterstützung fastnächtlicher Brauchtumsgestaltung. Durch die jahrhundertelange Zugehörigkeit zu den vorderösterreichischen Landen, waren alpenländische Einflüsse gerade in den habsburgischen Zirkeln des alemannischen, süddeutschen Raumes ein frühes Element fastnächtlichen Feierns. Dabei war auch der Wilde Mann ein Attribut der Schwellentage.

 

Dass die Bleichheimer Untertanen im Laufe der Jahrhunderte manche mittelalterlichen Fasnachten im höfischen Umfeld der Kirnburg miterlebten, mag vielleicht bis heute manche fasnächtlichen Impulse im Dorf spüren lassen.

 

Aus der Zeit der Rennaissance (14. – 16. Jahrhundert) schmückte noch in den 1930er Jahren eine prächtige Sandsteinstele den Mitteltrakt der Ruine Kirnburg. Das Relief eines höfischen Gauklers, in Anlehnung an die Comedia del’ Arte, dürfte ein Hinweis auf die Ausübung von Fastnachtsspielen, wie sie damals allerorten in gebildeteren Kreisen des Mittelalters gefeiert wurden, sein.  So ist anzunehmen, dass Bleichheimer Dienstleute auf der Burg manches Festgelage an den Fastnachten ausrichteten, die obligatorischen Fasnachtsküchle zubereiteten und auf der großen Herrschaftstrotte der Üsenberger (sie stand einst im Hause Nr. 35 in der Bleichtalstraße) den Wein für die illustren Tafeln der Burgherren gekeltert haben. Plastische Darstellungen von Larven, Trachtenkleidung, Musikinstrumenten und weitere Alltagsgegenstände, die zum Inventar des Schlosses auf dem Kirnberg gehörten, sind auch Ausdruck eines feudalen Lebensstils, dem die Schwellentage der Fastnacht nicht unbekannt waren. So fand der Samen fastnächtlicher Lebensfreude in Bleichheim einen fruchtbaren Boden, im wahrsten Sinn „gesunkenes Kulturgut“. Dies war  zwar im Laufe der Zeit infolge kommunaler und politischer Verbote gewissen Einschränkungen unterworfen, durfte aber immer wieder fröhlichen Urstand feiern.

 

Der „Kayserliche Geheime Rat und Statthalter in den vorderösterreichischen Landen“, Reichsfreiherr von Kageneck, der der Regierung und Kammer in Freiburg im Breisgau vorstand, richtete durch seinen Amtmann A. Buißon am 16. Dezember 1795 an die Gemeinde Bleichheim folgenden Erlass: „Nachdem gnädige Herrschaft mit größtem Verdruß zu vernehmen haben, daß in dem Dorf Bleichheim der von ihrer Kaiserl., Königl. Apostel. Majestät allerhöchst ergangene und publizierte Befehl in Abstellung der Neujahrsgeschenke, Unterlaßung jeglichen Fastnachttreibens und Mummenschanzerei durch männliche Personen, Ostereier und sogenannte Gottehemden noch immerhin im Schwung zum Verderben der Bürger fortandauere und keine Folge geleistet worden, als ergehet hiermit der ernst gemessene gnädiger Herrschaft Befehl dahin, daß sich niemand, wer er immer sei, hierfüran bei drei Gulden Strafe unterfangen solle, Neujahrwecken, Fastnachtsküchle und Ostereier auszuteilen, noch abzuholen, ansonsten der Austeiler und Abholer, eines wie das andere in die nämliche Strafe verfällt wären und augenblicklichen Zwangsmitteln zur Erledigung der Strafe anghalten werden. […]“

 

[…] Das Verschenken und Herstellen von Fasnetsküchle über die Fastnachtstage und dies in vielen geschmacklichen Varianten, ist wie eh und je ungebrochen. Was der Statthalter der vorderösterreichischen Lande in Freiburg bewog, über das Kaiserhaus in Wien im Jahre 1795 ein Verbot der Bleichheimer Volksbräuche zu erlassen, ist vor allen Dingen im wirtschaftlichen Bereich jenes Jahrhunderts zu suchen. Die vorderösterreichische Regierung war dortmals in finanzieller Hinsicht nicht auf Rosen gebettet. Die Zinsen – Pacht und Zehntegelder – flossen recht mager aus den Beuteln der meist bäuerlichen Bevölkerung in die Kasse des Statthalters. Ein Verbot des angeblich mit hohen finanziellen Mitteln betriebenen Brauchtums, verhinderte, so die Meinung der gnädigen Grundherrschaft, die Erfüllung der Steuerpflichten. Ein kaiserliches Dekret hatte das zu verhindern. Da die Durchführung solch einer Verordnung schlecht zu überwachen war, war auch die Einhaltung nicht gewährleistet. Bis zum heutigen Tag missachteten die Bleichheimer den kaiserlich- königlichen Befehl – gerade, weil die Fastnachtsküchle alljährlich so besonders gut schmecken – ein weiterer schmackhafter Punkt der Fasnet.

 

 

© Josef F. Göhri 2012