Ablauf der Bleichheimer Fasnet

 

Das Aufstellen des Narrenbaums am Schmutzige Dunnschdig war in Bleichheim nicht bekannt und ist erst ab 1965 Bestandteil der Fastnacht. Sie setzt den weithin sichtbaren Beweis der Herrschaft der Narren im Dorf und ist als Anfangsakkord an die Fasnetseröffnung in Hochburgen wie beispielsweise Endingen a. K mit ihrem Auftauchen des Jockele aus dem Brunnen angelehnt. Basierend auf dem großen Waldbestand Bleichheims und als Assoziation zur inzwischen weithin vergessenen Tradition des Maibaumstellens, wich man vom Brunnen zum Baum. Ein nicht minder symbolgeladener Auftakt.

 

Seit 1967 schmückt den Narrenbaum ein so genannter Narrenschild, auf dem der Narrenspruch in Bleichheimer Niederalemannisch aufgedruckt ist:

 

„Wear jetz kai Narr an Fasnet isch,

dear isch un blitt ea arme Wisch,

dear soll sich unters Bett verschlupfea

und soll de Fleh de Birzel rupfea,

dear soll si altea Hirnschmalz putzea

un d’Ohrelappea süffea stutzea,

dass alles waiß, mr isch drgegea,

dass d’Narrea sich ea so verbleede.

Derfir dearf mr derno aü hetzea,

weann eim dia Zynduss- Kaibea

ins Weaspeneascht dian setzea.“

 

Verbunden mit der Aufstellung des Narrenbaumes ist die Übergabe des Rathausschlüssels durch das Gemeindeoberhaupt. Im entsprechenden Rahmen erfolgt auch die gleichzeitige Eröffnung der Fasnet durch die Verkündung der Narrengesetze durch den Bleichheimer Narrenrichter. Am Ende beschließt ein Umzug durch das Dorf mit Fackellichtern, Hemdglunkern, Narrensome, Zunftmusik und Hästrägern zur Kirnburghalle die Fasnetseröffnung. Der frühere Fasnetsnarr (Laufnarr), der um die Fastnachtstage Straßen und Gassen beherrschte, ist in Folge der heutigen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen gezwungen, in den immer weniger werdenen gebotenen Räumlichkeiten einem zahlenden Publikum Saalfasnet anzubieten. Dies schlägt sich auch in dem Großen Zunftabend nieder, der am Samstag vor dem Fasnetssonntag von der Narrenzunft veranstaltet wird. Er zeigt in bunter Vielfalt Narrenspiele aller Schattierungen, nur der eigentliche Fasnetssonntag, -montag und –dienstag veranlasst die Bleichheimer, das närrische Männlein und Weiblein loszubinden. So zeigt der Fastnachtssonntag immer das ganze närrische Aufgebot. Mit tiefsinniger Schläue und Schlitzohrigkeit werden die sich in einem Jahr anhäufenden Unzulänglichkeiten der Mitmenschen mit dem Narrenlicht von allen Seiten beleuchtet.

Der Fasnetsmontag gehört dem Narrensamen. Heardaepfelsuppe mit Speack erhalten Alt und Jung aus zwei holzbefeuerten Kesseln vor dem Eingang zur Kirnburghalle. Schon ausgangs des 18. Jahrhunderts vermerkt der Bleichheimer Kämerer in seiner Jahresrechnung Ausgaben für Weißbrot an die Schulkinder in der Fastnachtszeit. Dieser Brauch erfuhr damit eine Wiederbelebung, verbunden mit der Absicht, schon den Jüngsten die Fasnet näher zu bringen.

 

Abschluss der Fasnet

 

Das Fasnetsende oder deren Verbrennung lehnt sich eng an die Gestaltung des Scheibenfeuers und Scheibenschlagens am Schiibesunndig (Lätare) an. Die kurze Zeremonie der Zyndussverbrennung, beendet der Zunftvogt mit dem Spruch:

 

„Zynduss Jaem, stieg jeatz wiedea üsem Heam,

stieg jeatz wiedea üsem Kittel,

heaschs Lachea uns Hiale in einem Bittel.

Die Fasnet isch jeatz wiedea verbei

und widda gohts in dea aldea Litanei.

Doch s’Johr isch kurz,

dia Daeg sin lang,

dea Zynduss het derob kai Bang.

Dr Alt muss jeatz im Fiar vrgoh,

der Nei isch aba aü scho do.

Drum, liabe Lit sin uns nit bes,

wenn d’Narre eich knummea hean uf d’Scheß.

Sie kenneas halt nit anderscht machea,

ea Teil muss hiale un ea Teil muss lachea.

Drum Zynduss, stieg jeatz wiedea üsem Haem

Zynduss Jaem

Zynduss Jaem

Zynduss Jaem.“

 

Die einmalig schöne, alemannische Fasnet, sie lebt, lieber denn je. Sie gehört heute, morgen und übermorgen immer noch zum Lebensrhythmus der Menschen, vor allem im alemannischen Sprachraum. Sie ist „Brauchtum als innere Sprache der Menschen, ausgedrückt in farbenfrohen Sinnbildern.“ (H. E. Busse)

Ein nicht zu unterschätzender kultureller Faktor, aber auch eine Frühlingskur, die dem schwerblütigen Alemannen – und zu ihnen zählen wir uns mit Stolz – immer wieder aufs Neue Lebensfreude vermittelt.

 

 

© Josef F. Göhri 2012